DER ENDURO TRAUM

Unter Mountainbikern gilt das Saastal bislang höchstens als Geheimtipp. Dabei eröffnen sich im hochalpinen Gelände ungeahnte Möglichkeiten.

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Oben: Die Saas-Fee Guides bieten geführte Touren auf den Trail-Perlen des Saastals an.

Fotos: Puzzle Media
Text: Patrick Gasser

 

Es staubt. Er lächelt. Was für Freerider im Winter der Pulverschnee in unverspurten Hängen sind für Mountainbiker im Sommer staubige Trails. Technisch anspruchsvoll soll es sein. Aber bitte mit ordentlich Fahrfluss! Das gilt auch für Martin (43) und seine Kumpels. Die Familienväter aus dem Bernbiet treffen sich regelmässig für eine Auszeit auf ihren Bikes. Mal im Emmental, Mal im Graubünden. “Egal, Hauptsache der Flow stimmt”, sagt Martin. Das Saastal stand bislang nicht auf ihrer Liste. Das dürfte sich nun aber ändern. “Kaum zu glauben, dass wir hier heute die einzigen waren”, sagt Martins Kumpel Ueli (38). Die Bergbahnen Hohsaas transportieren Fahrräder bis ganz nach oben. Mountainbiken auf über 3'000 Metern über Meer? Im Saastal kein Problem. Bis hinunter nach Saas-Grund auf 1'550 Metern über Meer schlängeln sich die anderthalb Meter breiten Wege durch das Gelände. Und das im Angesicht von 18 schneebedeckten Viertausendern. Was die Gondel an Kondition spart, fordern die Serpentinen an Fahrkönnen: Wer einige Höhenmeter mit geschultertem Bike zurücklegt, dem eröffnen sich noch zahlreiche weitere Möglichkeiten.

Oben: Das Trailangebot im Saastal umfasst ein Wegnetz von rund 150 Kilometern.

 

ENDURO-TRAILS STATT BIKEPARK
Was noch vor einigen Jahren als nicht fahrbar galt, gehört heute zum guten Ton. Klar, das liegt auch daran, dass aus den Fabriken der Bike-Fabrikanten immer bessere Zweiräder rollen. Aber nicht nur. Der Fokus in der BikeSzene hat sich in den letzten Jahren klar verschoben: Weg von künstlich hergerichteten Bikeparks mit ihren Holzrampen hin zu naturbelassenen Trails. Enduro ist der Begriff der Stunde. Das zeigt auch ein Blick auf die Breitensportveranstaltungen: Bei den DownhillEvents stagnieren die Teilnehmerzahlen oder gehen sogar leicht zurück. Anders sieht die Situation bei den Enduro-Rennen aus. Hier wächst das Teilnehmerfeld stetig.

„Natürliche Trails, offenes Gelände und endlose Abfahrten: Was will man mehr?” Kyle Harris, Bike Guide


DEN SCHOTTEN HAT ES UMGEHAUEN
Auch ausserhalb der Reichweite der Gondelbahnen, warten versteckte Schätze auf Trail-Fetischisten. Rund 150 Kilometer biketaugliche Wege liegen im Saastal. Den Downhillmodus mit Integralhelm und Goggle gibt es nur beim Glacier Bike Downhill im März (siehe Saas-Fee Guides Magazin Ausgabe 1). Deshalb trifft man als Biker durchaus auf wohlgesinnte Wanderer. “Die Möglichkeiten haben mich anfangs richtiggehend umgehauen”, sagt Kyle Harris (25), Bike-Guide der Saas-Fee Guides. Der Schotte kam 2016 ins Saastal – und war sofort verliebt: Erst in die Berggipfel und Gletscher bald aber auch in die verworrenen Wege mit ihren Serpentinen. Dabei kommen Kyle seine Wurzeln als BMX-Fahrer zu Gute. In seinem Heimatdorf Kirriemuir im Nordosten Schottlands baute Kyle mit seinen Freunden einst grosse Sprünge für die kleinen Fahrräder in die Wälder. Ein Kumpel brachte ihn dann auf die grossen Bikes und bald auch zu Rennen. Nach der Maurerlehre reichte das Geld dann endlich für das erste eigene geländetaugliche Mounainbike. “Ich darf gar nicht daran denken, wie viel Geld ich anfangs für Mietbikes ausgegeben habe”, sagt Kyle und lacht.

Oben: 1’500 Höhenmeter auf einer Abfahrt: Im Saastal keine Ausnahme.

Oben: Direkt bei der Gondelstation auf Hohsaas auf über 3’000 Metern über Meer beginnen die Trails.


AUCH DIE FACHREDAKTEURE SIND BEGEISTERT
Die sumpfigen Trails in den dichten Wäldern seiner Heimat vermisst Kyle nicht wirklich: “Hier ist alles viel offener und natürlicher. Wir haben so ein Glück.” Ins gleiche Horn bläst das renommierte Bike-Magazin “Ride”. Mit einer Auflage von 14’000 Exemplaren ist “Ride” die wichtigste Fachzeitschrift der Schweiz. Ganze zwölf Seiten widmeten die Redakteure ihrem Ausflug ins Saastal vergangenen Herbst. “Andere Regionen greifen tief in die Schatulle, um den dreihundertfünfundvierzigsten Flowtrail ins Gelände zu zaubern. Hier ist alles schon da”, stellen die Jungs von “Ride” in ihrer Reportage fest. Das liegt an der langen Siedlungsgeschichte des Tals: Als Trailbauer fungierten über Jahrhunderte Hirten und Säumer – aber auch Schafe und Ziegen auf ihrem Weg zu den Alpweiden. Heute kümmern sich die Kommunen, Bergführer und Betreiber der SAC-Hütten um den Unterhalt der Wege. Dichtestress herrscht auf den Trails des Saastals nicht. Wie die Gruppe aus dem Bernbiet waren die Redakteure baff, dass sie nicht mehr Gleichgesinnte antrafen: “Wenn die wüssten, was sie hier für Mountainbiker zu bieten haben.”

Oben: Hochalpines mountainbiken in Hohsaas


GUT ZU WISSEN
Wer die echten Trailperlen des Saastals entdecken möchte, geht am besten mit einem Guide los. Die Preise starten bei CHF 30.- pro Person und Stunde (maximal 6 Personen) und CHF 80.- pro Stunde bei Privattouren (für 1 bis 2 Personen).