IM ANGESICHT DER RIESEN

Fotos: Mischabelhütten, Danny Stoffel, Puzzle Media
Text: Patrick Gasser

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Die Mischabelhütten sind Ausgangspunkt für einige der imposantesten Gipfel der Alpen. Seit acht Jahren führt Maria Anthamatten (35) den Betrieb auf über 3’300 Metern über Meer. Für die Almagellerin ist jeder Hüttentag trotz grossem Arbeitspensum ein Privileg.

Oben: Die Mischabelhütten sind von mitte Juni bis mitte September bewartet.

 

Der Herbst 1858 war für den Tourismus im Saastal und den Alpinismus eine äusserst spannende Zeit. Innerhalb von nur einer Woche fanden zwei der höchsten Berge der Schweiz ihre Erstbesteiger. Am 16. September steht die Viererseilschaft bestehend aus Franz Andenmatten, Baptiste Epiney, Aloys Supersaxo und Joseph Zimmermann auf dem Gipfel des 4’327 Meter hohen Nadelhorns. 5 Tage vorher standen Johann Zumtaugwald, Johann Kronig und Hieronymous Brantschen zusammen mit dem Briten J. Llewellyn Davies auf dem Dom. Der mit 4’545 Metern höchste Punkt der Mischabelkette ist zugleich auch der höchste Berg welcher gänzlich innerhalb der Schweiz steht.

Oben: Magischer Nachthimmel über den Mischabelhütten.

 

WO MAN SICH GANZ KLEIN FÜHLT
160 Jahre später haben die Gipfel der Mischabelgruppe und des nordwestlich davon angrenzenden Nadelgrats nichts von ihrer Faszination eingebüsst. Auch für die erfahrenen und höchst ausgebildeten Bergführer der SaasFee Guides ist es jedes Mal ein überwältigendes Gefühl im Morgenlicht auf diesen prächtigen Viertausendern zu stehen, sagt etwa Danny Stoffel. “Es gibt nur wenige Orte, wo du dich als Mensch so klein fühlst wie etwa auf dem Gipfel des Nadelhorns”, so der Bergführer aus Saas-Grund. Die Überschreitungen an der Mischabelgruppe, beispielsweise vom Nadelhorn auf die östlich gelegene 4'294 Meter hohe Lenzspitze, gehören zu den absoluten Highlights des Bergsteigens in den Alpen. Von Saastaler Seite ist die Mischabelhütte Ausgangspunkt für diese konditionell und technisch anspruchsvollen Hochtouren (siehe Infobox). Oder besser gesagt: Die Mischabelhütten. Nach vier Jahren Planungs- und Bauarbeiten eröffnete 1903 die erste Hütte am verlängerten Nordostgrat der Lenzspitze. Einheimische Säumer transportieren das Baumaterial mit Maultieren auf den schmalen und steil abfallenden Pfaden von Saas-Fee auf den hochalpinen Bauplatz. Bald einmal war die vom Akademischen Alpenclub Zürich betriebene Hütte mit ihren 42 Schlafplätzen zu klein. Auch nach der Erweiterung auf 60 Plätze während der touristischen Flaute des Zweiten Weltkriegs, stiess die Hütte immer wieder an die Kapazitätsgrenzen. Schliesslich entschieden sich die Betreiber für den Bau einer zweiten Hütte mit 70 weiteren Übernachtungsmöglichkeiten. Seit deren Eröffnung 1976 stehen nun 130 Schlafplätze zur Verfügung.

“Es gibt nur wenige Orte, wo du dich als Mensch so klein fühlst wie auf dem Gipfel des Nadelhorns.” Danny Stoffel, Bergführer


HÜTTENWART IST EINE JUNGE FRAU
Heute werden die beiden Hütten auf 3’300 Metern über Meer von Maria Anthamatten betrieben. Für die 35-Jährige aus Saas-Almagell ist es die achte Saison als Hüttenwartin. Die Begeisterung für den Hüttenbetrieb und der Bergwelt wurde ihr quasi in die Wiege gelegt. Grossvater Alfred Anthamatten war Bergführer und führte die Almagellerhütte, welche nun von ihrem Onkel Hugo und dessen Familie betrieben wird. Schon als Kind half Maria auf der Almagellerhütte aus. Die ausgebildete Krankenschwester, welche über die Wintermonate im Spital Visp arbeitet, bewarb sich für die Mischabelhütten und bekam prompt den Zuschlag. Von mitte Juni bis mitte September sorgt sich Maria Anthamatten mit drei Angestellten um das Wohl der Gäste in den hochalpinen Hütten. Ein Vollzeitjob. Morgens um 2.30 Uhr bekommen die ersten Gäste das Frühstück serviert. Nicht selten ist erst um 22.00 Uhr Feierabend. Die Versorgung erfolgt ausschliesslich mit dem Hubschrauber. In der Küche mit sechs Gasplatten und einem Holzofen bereitet das Team die Mahlzeiten für bis zu 130 Leute zu. Kaum ist das Morgenessen abgeschlossen, bereitet das Team die Hütten bereits für die Tagesgäste vor, welche diese ab Saas-Fee in vier und ab Hannig in rund drei Stunden erreichen. Zudem kommen um 10.00 Uhr bereits die ersten Bergsteiger von ihrer Tour zurück. Eine Solaranlage sorgt für etwas Strom. Für Küchengeräte reicht es aber nicht. “Klar sind die Tage sehr intensiv”, sagt Maria. “Aber mit dem richtigen Team kommt es mir hier oben meist gar nicht wie Arbeit vor.

Oben: Maria Anthamatten (35) steht in ihrer achten Saison als Hüttenwartin.


STRESS UND HEKTIK BLEIBEN IM TAL
Um die Wasserversorgung muss sich das Team der Mischabelhütten ebenfalls selbst kümmern. Ein grosser Teil kommt aus einem Loch im Gletschereis etwas oberhalb der Hütten. Bis zu funf Meter tief graben sich Maria und ihr Team dafür anfangs der Saison durch die Schneemassen. Leitungen, die wegen des sich ständig bewegenden Gletschers täglich kontrolliert werden, führen zu den 20’000 Liter fassenden Tanks der Hütten. Auch Regenwasser von den Dächern wird gesammelt. Zurück ins Tal geht es für Maria erst nach drei Monaten, in denen kaum Raum für Privatsphäre bleibt. Trotzdem schwingt bei der Hüttenwartin jeden Herbst von neuem Wehmut mit, wenn sie die Fensterläden schliesst. “Viele meiner Freunde möchten auf keinen Fall mit mir tauschen. Aber ich sehe es als riesiges Privileg, dass ich im Sommer hier oben sein kann”, sagt Maria. Alleine die Sonnenaufgänge seien jede Mühe wert. “Es ist als würden im Frühling Stress und Hektik im Tal bleiben.”

Oben: Hochalpine Gipfeltouren beginnen in den frühsten Morgenstunden. Die Sonnenaufgänge sind dafür umso spektakulärer.


GUT ZU WISSEN

MISCHABELHÜTTE
Für eine alpine Wanderung sind die Mischabelhütten ein besonders lohnenswertes Ausflugsziel. Der Zustieg erfolgt über einen anspruchsvollen Weg. Dieser ist aber bestens ausgeschildert und an exponierten Stellen mit Trittstufen und Drahtseilen gesichert. Festes Schuhwerk ist absolute Pflicht. Wer zu den Mischabelhütten aufsteigt, sollte zudem über eine gute Trittsicherheit im Gelände verfügen und schwindelfrei sein. Für Kinder und Hunde ist der Weg nicht geeignet. Ab Saas-Fee sind die Mischabelhütten in rund vier und ab der Bergstation der Gondelbahn auf Hannig in drei Stunden erreichbar. Die Preise für eine Übernachtung mit Halbpension liegen zwischen CHF 56.00 pro Person für Jugendliche bis 18 Jahren (Mitglieder) und CHF 83.00 pro Person Uhr für Nichtmitglieder (Erwachsene). Hüttentee wird bereitgestellt und Proviant kann bestellt werden

NADELHORN MIT DEN SAAS-FEE GUIDES
Bei idealen Verhältnissen ist der Aufstieg zum Nadelhorn, welches seinen Namen einem ovalen Loch unterhalb des Gipfels zu verdanken hat, einer der einfachsten den Mischabelgruppen. Trotzdem erfordert diese Gipfeltour eine gute Portion sportliche Grundkondition und Erfahrung im Gebrauch der Steigeisen. Der Aufstieg ab den Mischabelhütten dauert rund vier Stunden. Dabei gilt es, 1’000 Höhenmeter zurückzulegen. Der Abstieg über die gleiche Route dauert 2,5 Stunden. Für diese Tour bist Du mit Deinem Bergführer maximal zu Dritt unterwegs. Bei zwei Gästen liegt der Preis bei CHF 485.- pro Person. Bist Du mit Deinem Bergführer alleine unterwegs, liegt der Preis bei CHF 880.- Dazu kommt der Preis für die Übernachtung in den Mischabelhütten für Dich und den Bergführer (Bergführertarif circa CHF 40.-).